Mord ist ja - leider - nichts Neues für die Großstadt Chicago, doch in den letzten Jahren eskaliert das Problem dermaßen, dass einige Kriminalexperten mittlerweile zu Recht von einer Epidemie sprechen.
© Unbekannt
Bei den Kämpfen der Gangs um Reviere, Ansehen, einen größeren Anteil am Drogenhandel oder einfach, weil sie einander nicht ausstehen können, kommen so viele Unschuldige ums Leben, dass jetzt Einwohner der »windigen Stadt« zu ihrem Schutz ein entschlosseneres Eingreifen von Bürgermeister Rahm Emanuel und Polizeichef Garry McCarthy fordern.
Für die Polizei in Chicago - auf einen Beamten der Spezialeinheit gegen Bandenkriminalität kommen 500 Gangmitglieder - ist das Problem jedoch weit komplizierter, als es die reinen Zahlen ausdrücken. »Praktisch alle Gewalttaten, die wir heute erleben, gehen von den Gangs aus«, sagte Sergeant Matt Little, der Leiter einer solchen Spezialeinheit, kürzlich in der Fernsehsendung
CBS News.
Allein in diesem Jahr sind in Chicago bereits über 275 Menschen erschossen und zigmal mehr verwundet worden, viele davon schwer. Und viel zu viele der Opfer sind Kinder, Kleinkinder sogar. Die meisten Morde und das größte Chaos gibt es in den Armenvierteln der Stadt, die Opfer sind zumeist Angehörige von Minderheiten.
»Wenn es eine Schießerei gibt, reagieren wir. Wir ermitteln, in welcher Gegend Vergeltungsangriffe zu erwarten sind, und gehen in die Gegend, wo wir einerseits versuchen, Racheakte zu verhindern, und andererseits, die Angreifer vor Gericht zu bringen.«
»Die Gangs haben ihre Hierarchie verloren«Doch anscheinend haben die Gangs diese Strategie durchschaut: Es gibt nur wenige Festnahmen und es ist schwerer denn je, überhaupt jemanden dazu zu bringen, mit der Polizei zu reden. Die Gewalt greife unter anderem deshalb um sich, so die Polizei, weil sich die Dynamik in den letzten Jahren verschoben habe.
»Die Gangs haben gewissermaßen ihre Hierarchie verloren, und ohne eine Kommandokette gibt es niemanden, der die Dinge in Schach hält«, sagt Little. Die meisten Gangführer seien im Gefängnis - oder tot. Die verbleibenden seien jung, rücksichtslos und sehr schlechte Schützen, daher die wachsende Zahl Unschuldiger, die verletzt oder getötet werden.
»Anstelle einer Kugel, die jemandes Namen trägt, haben wir eine Kugel, auf der geschrieben steht: ›Egal, an wen‹«, so beschreibt Little die wahllose Schießerei der Gangmitglieder. Eines der Opfer der letzten Wochen war die siebenjährige Heaven Sutton. Sie wurde niedergeschossen, als sie vor ihrer Haustür Bonbons verkaufte.
»Uns liegt die Großmutter am Herzen, die in der Graystone wohnt und ihre Enkel aufzieht. Oder der Kerl, der hart arbeitet, in aller Frühe aufsteht und zwei Jobs hat«, sagt Little.
Es geht um - Werte?Bei dem Versuch, die Kontrolle wiederzuerlangen, setzen Little und seine Kollegen Technik und Psychologie ein. Sie nutzen Gespräche mit Gangmitgliedern, um etwas über ihre Aufenthaltsorte, Gewohnheiten oder ihren Unmut zu erfahren, damit die Polizei besser auf Ärger vorbereitet ist,
bevor er zum Ausbruch kommt.
Andererseits geht die Stadt auch aggressiv vor. Läden, von denen man weiß, dass Gangmitgliederdort herumhängen, werden wegen möglicher Ordnungswidrigkeiten, beispielsweise abgelaufener Genehmigungen, genauer unter die Lupe genommen. Leer stehende Gebäude, in denen sich Gangs versammeln oder ihre Waffen und Drogen lagern, werden verriegelt oder abgerissen.
Rahm Emanuel, der Bürgermeister von Chicago und Obamas Ex-Stabschef, versichert, seine neue Strategie werde erfolgreich sein. Vor Kurzem warf er Gangmitgliedern vor, ihnen fehlten - na, was wohl - »Werte«.
»Da sind zwei Gangmitglieder, einer steht neben einem Kind. Komm von dem Kind weg. Pack deine Sachen, rühr‘ die Kinder von Chicago nicht an. Komm nicht in ihre Nähe. Und es geht um Werte«, sagte Emanuel in
CBS News. »Wie sind sie erzogen worden? Und ich lasse mir das nicht erzählen, wenn gesagt wird, sie hätten keine Werte. Sie haben Werte, nur eben die falschen. Kommt nicht in die Nähe der Kinder - rührt sie nicht an.«
Na, was. Wenn Gangmitglieder »Werte« hätten, wären sie keine Gangster. Es ist nicht leicht, der »Logik« des Mannes zu folgen, der den Satz geprägt hat: »Lass niemals eine gute Krise ungenutzt vorübergehen«.Nur, um es festzuhalten: In Chicago passieren 39 Prozent mehr Morde als in New York City, dort ist die Zahl um 17 Prozent gesunken.
Quellen:
CBS News
CBS News
FOX News
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