
Seit den 1980er-Jahren starben laut Pokrowski in Russland mindestens 125.000 Menschen an der Immunschwächekrankheit Aids, davon etwa 20.000 im laufenden Jahr. "Die Behandlung ist nicht immer wirkungsvoll, nicht immer zur rechten Zeit angewandt", klagte Pokrowski. "Die Lage verschlimmert sich immer weiter."
Experten geben tatsächliches Ausmaß deutlich höher an
Doch die offiziellen russischen Angaben liegen noch weit unter den Schätzungen des UN-Aidsprogramms (UNAIDS). Laut dem UNAIDS-Jahresbericht für 2011 leben in Russland rund 1,2 Millionen HIV-Infizierte, das sind etwa ein Prozent der erwachsenen Einwohner. In West- und Mitteleuropa liegt diese Quote bei 0,2 Prozent.
Russlands Oberster Amtsarzt Gennadi Onischtschenko machte vor kurzem vor allem verunreinigte Nadeln, die beim Drogenkonsum verwendet werden, für die Verbreitung der Infektion verantwortlich. Seit 1987 seien in Russland mehr als 600.000 HIV-Infizierte registriert worden, sagte der Behördenleiter.
Nach Angaben des Föderalen Anti-Aids-Zentrums in Moskau wird HIV in der russischen Gesellschaft weiter stark tabuisiert. Aktivisten beklagen eine unzureichende Versorgung mit Medikamenten sowie mangelnde Aufklärung.
Im Oktober hatte UNAIDS Russland aufgerufen, die Aids-Vorbeugung zu verbessern, und von einer "kritischen Lage" in dem 143-Millionen-Einwohner-Land gesprochen.
Versorgung von Aids-Patienten in Afrika besser
Laut Missionsärztliche Institut (MI) in Würzburg werden an HIV oder Aids erkrankte Patienten in Afrika besser medizinisch versorgt als in Osteuropa oder Zentralasien. In Osteuropa würden nur ein Viertel der Betroffenen behandelt, in Afrika seien es dagegen deutlich mehr als die Hälfte aller Patienten, so Fachreferent Klemens Ochel.
Sorge bereitet den Fachleuten, dass sich die Epidemie in Ländern Osteuropas und Zentralasiens in "alarmierendem Tempo" ausweite. Diese Entwicklung stehe im Gegensatz dazu, dass sich weltweit die Ausbreitung des HI-Virus stabilisiere oder gar zurückgehe.
Ochel kritisierte, dass die Länder in Osteuropa und Zentralasien zu stark auf die Hilfe internationaler Fonds setzten und zu wenig in Programme für gesellschaftliche Randgruppen investierten. Darunter litten besonders Frauen und Kinder.
In der Region seien vor allem Konsumenten von Injektionsdrogen und ihre Sexualpartner, Männer mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten, Sexarbeiter, Gefängnisinsassen oder Migranten betroffen.
Diesen Personengruppen fehle häufig der Zugang zu Prävention, Diagnose und Therapie, erläuterte der Fachreferent. Das Recht auf Behandlung werde ihnen vorenthalten, weil staatliche Gesundheits- und Sozialdienste die HIV-Patienten ausgrenzten.



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