Bald ist es 105 Jahre her, seit ein gewaltiger Feuerball die Stille über der einsamen sibirischen Taiga durchbrach und mit apokalyptischem Donner am Himmel explodierte. Tausende von Quadratkilometern Waldland wurden zerstört, zahlreiche Tiere, aber auch Menschen kamen ums Leben. Doch bis heute bleibt ungeklärt, worum es sich bei dem Auslöser dieser Katastrophe gehandelt hat. Jetzt wird in Russland neu darüber diskutiert.
Bild
© Mopic / Shutterstock
Am 15. Februar 2013 erlebte die Welt, was es heißt, wenn ein kosmischer Körper durch die Erdatmosphäre rast und explodiert. Der Morgen wurde plötzlich taghell erleuchtet, in der nahen Stadt Tscheljabinsk klirrten die Fenster, Glassplitter jagten wie Geschosse durch Wohnräume, Klassenzimmer und Büros, als die Druckwelle der Himmelsexplosion eintraf. Im Gegensatz zu früheren Ereignissen wurde dieser Vorfall unter verschiedensten Blickwinkeln von Autokameras aus aufgenommen, wie sie in Russland weit verbreitet sind. Und damit lag erstmals eine genaue Dokumentation zum Einschlag eines etwas größeren kosmischen Körpers vor.

Zwar zirkulierten bald Thesen und Spekulationen, es habe sich bei dem himmlischen Spektakel um ein geheimes Militärexperiment gehandelt, doch gibt es dafür keine echten Belege. Interessant ist natürlich, dass laut der Nachrichtenagentur "RIA Novosti" am Morgen des 15. Februar ein Langstreckenbomber vom Typ Tu-160 aufgestiegen war, der eine Überschallrakete mit sich führte. Aus unbekannten Gründen sei diese Rakete dann vom Kurs abgekommen und plötzlich in einen rasanten Sturzflug übergegangen. Dabei habe sie das auffallende atmosphärische Phänomen über Tscheljabinsk ausgelöst. Allerdings "kam es in jenen Momenten zu einer Explosion nuklearen Ausmaßes", ohne dass Radioaktivität festgestellt werden konnte. Einer anderen Geschichte zufolge wurde ein nicht näher beschriebener Flugkörper von Luftabwehrraketen abgeschossen, in einer dritten Version ging das Ereignis auf amerikanische Waffentests im russischen Luftraum zurück.

Alles in allem deuten die Effekte jedoch weit eher auf einen kleinen Asteroiden hin.


Auch die Bahnanalyse lässt auf einen typischen Kleinkörper des Sonnensystems schließen, der aus vergleichsweise großer Ferne in die Erdatmosphäre eindrang und wohl zur Gruppe der Apollo-Asteroiden zählte. Seine Bewegungsenergie wurde beim Aufprall auf die Luftmassen unmittelbar in einen Hitzesturm verwandelt, mit dem Ergebnis einer Explosion in etwa 23,3 Kilometern Höhe - ein vehementer »Airburst«.

In der Folgezeit konnten dann auch frische Meteorite gefunden werden, die ebenso mit dem Vorfall in Verbindung gebracht werden wie einige neue Einschlaglöcher in zugefrorenen Seen. Bei den gefundenen Steinen handelt es sich um Chondriten mit auffallend niedrigem Eisengehalt und großen Chondren, Schmelzkügelchen aus der Urmaterie des Sonnensystems. Der große Meteor vom 15. Februar 2013 verursachte nicht nur erhebliche Sachschäden, mehr als 1.000 Menschen wurden verletzt und etliche mussten in Kliniken behandelt werden.

Eine noch größere atmosphärische Explosion erlebte Russland am 30. Juni 1908. Doch was damals genau geschah, bleibt bis heute wirklich rätselhaft. Anwohner der entlegenen Region um die Steinige Tunguska, einen Nebenfluss des Jenissei, schilderten einen riesigen Feuerball, der schnell über den Himmel gezogen sei. Die nachfolgende Explosion löste eine Druckwelle aus, die weltweit gemessen werden konnte. In zig Kilometern Entfernung sprang die Eisenbahn aus den Schienen, Pferde wurden niedergeworfen und die Hitzewelle verbrannte ausgedehntes Waldland. Doch ein Einschlagkrater wurde nie mit Sicherheit nachgewiesen. Stattdessen massenweise umgestürzte Bäume. Selbst uralte Baumriesen waren abgeknickt worden wie schmale Streichhölzer. Und genau in der Mitte des Geschehens, am »Punkt X«, wo eigentlich ein Einschlagkrater vermutet wurde, standen die Bäume weiterhin aufrecht, wenn auch sämtliche Äste und die Rinde fehlten.

Was war hier geschehen? Mit den Jahren wurden zahlreiche Thesen entwickelt, worum es sich bei diesem Ereignis wirklich gehandelt haben mochte. War es ein Kometenkern, ein Fragment davon oder ein kleinerer Asteroid? War Antimaterie mit der Erde kollidiert, ein Schwarzes Mini-Loch mitten durch sie hindurch gerast, vielleicht sogar ein nichtirdisches Raumschiff außer Kontrollegeraten und abgestürzt? Oder könnte die Explosion am Ende sogar ein geheimes Großexperiment des Erfindergenies Nikola Tesla gewesen sein? Niemand kannte eine gültige Antwort.

Selbst, nachdem bereits zahlreiche Expeditionen in das Gebiet stattgefunden hatten, war man kaum schlauer. Am plausibelsten schien die Idee vom eingedrungenen Himmelskörper zu sein. Offenbar handelte es sich um einen Steinmeteoriten. "Ein Komet wäre wegen seiner lockeren Struktur bereits in größerer Höhe explodiert". Neuerdings wird auch ein geologisches Ereignis favorisiert: Die Katastrophe sei demnach nicht von oben, sondern von unten gekommen, in Form einer Methangasexplosion. Dann wäre aber zu erklären, warum Zeugen berichteten, damals sei ein Feuerball mit hohem Tempo über den Himmel gezogen.

Nun meint Andrei E. Slobin vom Wernadski-Staatsmuseum für Geologie, Russische Akademie der Wissenschaften, das Rätsel möglicherweise endlich klären zu können. 1988 führte er eine Expedition in die Tunguska-Gegend durch und organisierte Forschungsgrabungen. In Sedimenten des Chuschmo-Flusses fand er drei kleine Steine, bei denen es sich offenbar um Meteorite handelte. Erst 20 Jahre später ordnete Slobin dann seine Sammlung, die insgesamt rund 100 Gesteinsproben umfasst. Dabei kamen auch wieder jene drei besagten Proben zum Vorschein, die einige Besonderheiten zeigten. Vor allem wiesen sie Spuren atmosphärischer Aufschmelzung auf, auch Oberflächenstrukturen wie Regmaglypten.

Diese Schmelzgruben sind typisch für Meteorite. Slobin glaubt auch Strahlenkegel gefunden zu haben, wie sie entstehen, wenn extrem hohe Druckwellen durch Gestein gehen. Alles Zeichen für einen riesigen Impakt oder Airburst. Eine glasartig wirkende Probe, die Slobin wegen ihrer Form als »Zahnkrone« bezeichnete, enthält Gasblasen und Hinweise auf plastische Deformation. Ein ähnliches Stück hatte schon der estnische Mineraloge und »Tunguska-Pionier« Dr. Leonid A. Kulik in den 1930er Jahren entdeckt. Leider ging diese Probe verloren, so dass ein direkter Vergleich nicht mehr möglich ist. Würden sich die drei Gesteinsbröcklein tatsächlich als authentische Meteoriten erweisen und sich direkt dem Ereignis von 1908 zuordnen lassen, wäre dies der Beleg für einen kosmischen Treffer, ob nun Gesteinsasteroid oder Komet bzw. Kometenfragment. Wie Slobin betont, könne es sich weiterhin auch um einen Kometen gehandelt haben, da in den Kernen solcher Himmelskörper ebenfalls einiges Gesteinsmaterial enthalten sei.

Doch vieles bleibt nach wie vor unklar. Auch an Slobins Arbeit. Warum benötigte der Wissenschaftler so ungewöhnlich lange, seine Proben zu analysieren, die er bereits 1988 gewonnen hatte? Warum fand die Identifikation der drei besonderen Steine erst 2008 statt? Und warum dauerte es dann noch einmal fünf Jahre bis zur Publikation der ersten Daten? Und diese Daten dürfen ohnehin lediglich als vorläufige Erkenntnisse gelten, denn eine Isotopenanalyse des Materials steht nach wie vor aus. Kein Wunder, wenn sich skeptische Stimmen meldeten.

So zeigt sich unter anderem Natalia Artemiewa vom Institut für Geosphärendynamik der Russischen Akademie der Wissenschaften keineswegs überzeugt und meint: »Selbst wenn wir annehmen, es handele sich bei den gefundenen Steinen wirklich um Meteorite, wird es zudem nötig werden zu belegen, dass sie eben auch Fragmente von Tunguska sind.« Bisher ist das nicht geschehen. Artemiewa weist auch darauf hin, dass in den mehr als 100 Jahren, wie sie nunmehr seit jenem mysteriösen Vorfall verstrichen sind, bereits eine ganze Menge neuer Meteoritenmaterie über der Region niederging, meist in Form von kosmischem Staub und kleinerer Meteorite, deren Gesamtmasse mit großer Wahrscheinlichkeit diejenige des vermuteten Impaktors übertrifft.

Die Forscherin zeigt sich auch überrascht, dass Slobin keine geochemische Analyse der Fragmente durchgeführt hat. Hierzu stellt sie nur fest: »Das ist lächerlich. Sie können nicht allein anhand des äußeren Erscheinungsbildes eines Steins sagen, es handele sich um einen Meteoriten.« Viel eher lässt sich jedenfalls tatsächlich feststellen, wenn es sich bei einem vorgelegten Fundstück nicht um einen Meteoriten handelt. Wie auch immer, Slobin verweist hinsichtlich der langen Vorlaufzeit sowie der eher spärlich scheinenden Ergebnisse lediglich auf den Verfall russischer Forschung seit dem Niedergang der Sowjetunion, da habe einfach das Geld gefehlt.

So bleibt das Tunguska-Rätsel nach wie vor "ungeklärt". Die drei Steine könnten zwar die nötigen Informationen zu dessen Lösung bergen - zumindest möglicherweise - , doch bislang liegen keine konkreten Fakten vor. Es steht augenblicklich nicht einmal annähernd fest, ob die Fundstücke vom Tunguska-Körper stammen. Was bleibt, sind merkwürdige Beobachtungen, "die sich auch nicht mit dem Absturz eines Riesenmeteoriten erklären lassen". So auch eine erhöhte Radioaktivität, wie sie russische Wissenschaftler in der Region vor Jahren festgestellt haben. Keine der rund 70 verschiedenen Meteoritenklassen fällt durch besondere Radioaktivität auf. Ob das Geheimnis der Tunguska je geklärt werden wird?