
Auch Patienten mit neurologischen und psychiatrischen Störungen berichten von ähnlichen Wahrnehmungen unsichtbarer Begleiter, Schutzengel oder auch Dämonen.
Dem Team um Rognini und Blanke ist es nun gelungen, eine solche "Illusion", also die Vorstellung von der Anwesenheit eines unsichtbaren Begleiters, im Labor gezielt zu erzeugen.
Wie die Forscher berichten, handele es sich bei dieser Illusion um das Ergebnis einer Veränderung sensormotorischer Hirnsignale, die durch die Verarbeitung von Informationen über unsere Bewegungen und unserer Position im Raum auch an der Erzeugung unserer Eigenwahrnehmung beteiligt sind.
In ihrem Experiment, griffen die Wissenschaftler in den sensormotorischen Input der Teilnehmer derart ein, dass sie eine Situation erzeugten, dass das Hirn der Probanden entsprechen eingehende Signale nicht mehr länger als Signale des eigenen Körpers, sondern die einer anderen Person wahrnahm.
Hierzu untersuchten die Forscher zunächst die Hirne von 12 Teilnehmern mit neurologischen Schäden mittels MRT. Hierbei handelte es sich vornehmlich Epilepsiepatienten, die schon zuvor von der beschriebenen Form von Erscheinungen berichtet hatten. Die Untersuchungen zeigten Beeinträchtigungen dreier Regionen: der Inselcortex, des vorderen parietalen Cortext und des tempo-parietalen Cortex. Alle drei Regionen tragen zur Wahrnehmung von Körperbewegung und -lage im Raum bzw. der Lage/Stellung einzelner Körperteile zueinander, der sog. Propriozeption, bei.
Danach sollten gesunde Teilnehmer mit verbundenen Augen Handbewegungen vor ihrem Körper ausführen, während ein Roboterarm hinter ihnen, diese Bewegungen in Echtzeit imitierte und die Testpersonen so auf dem Rück berührte (s. Video). Das Ergebnis dieses sogenannten Dissonanz-Experiments ist eine Art räumliche Diskrepanz zwischen den synchronisierten Bewegungen des Roboters, an die sich das Hirn gesunder Testperson jedoch anpassen und diese ausgleichen kann.
In einem nächsten Schritt verzögerten die Forscher nun diese Übereinstimmung zwischen der Eigenbewegung der Testpersonen und der Umsetzung dieser durch den Roboterarm. Anhand dieser nun asynchronen Verbindung, wurden die zeitlichen und räumlichen Wahrnehmungen der Testperson verzögert und derart gestört, das es zur Wahrnehmung einer nicht vorhandenen Person kam.
Nach etwa drei Minuten verzögerter Umsetzung der Eigenbewegungen durch den Roboter, befragten die Forscher die Probanden, die über Sinn und Ziel des Experiments nicht informiert waren, wie sie sich fühlten.
"Geradezu instinktiv berichteten einige unserer Testpersonen von einem starken Empfinden der Anwesenheit von bis zu vier Geistern", berichtet Rognini. "Für einige war dieses Gefühl sogar derart stark, dass sie darum baten, das Experiment abzubrechen."
Zum ersten Mal sei somit die Induktion der Wahrnehmung einer fremden Anwesenheit unter Laborbedingungen gelungen. "Das Experiment zeigt uns zudem, dass derartige Wahrnehmungen und Illusionen auch unter 'normalen' Bedingungen entstehen können. Es bedarf lediglich sich einander widersprechender sensormotorischer Signale und Informationen", so Blanke. "Unser Robotersystem ahmt beispielsweise Wahrnehmungen von Patienten mit mentalen Beeinträchtigungen aber auch Beeinträchtigungen eigentlich gesunder Personen in Extrembedingungen nach. Damit bestätigt sich unsere Vermutung, dass diese Störungen Veränderungen unserer eigenen Körperwahrnehmungen im Gehirn mit sich bringen können."
Neben einer neurologischen Erklärung für ein kulturübergreifendes Phänomen, war das Ziel der Studie aber auch, zu einem besseren Verständnis einiger Symptome zu gelangen, wie sie von Schizophrenie-Patienten bekannt sind. Zu diesen zählen Halluzinationen, oder Verstörtheit aufgrund der Vorstellung von der Anwesenheit eines fremdartigen Wesens, dessen Stimmen viele Patienten hören oder dessen Handlungen die zu spüren glauben.
"Die Wahrnehmung unseres eigenen Körpers entsteht in unseren Gehirn auf der Grundlage sensormotorischer Informationen", erläutert Rognini abschließend. "Unter normalen Bedingungen erzeugt unser Gehirn auf dieser Grundlage eine einheitliche Selbstwahrnehmung und kann leichte Störungen sogar ausgleichen. Wenn dieses System aber nicht mehr richtig funktioniert - etwa aufgrund einer Krankheit, wie sie in unserem Experiment von dem Roboter simuliert wurde - so kann die Wahrnehmung entstehen, dass eine zweite Körperwahrnehmung (oder mehr) erzeugt wird, die wir dann aber nicht mehr als uns selbst, sondern als jemand bzw. etwas anderes wahrnehmen."
Ob sich damit auch Wahrnehmungen wie Messners spukhaftem Bergführer oder Geistererscheinungen allgemein rational erklären lassen, muss nun sicherlich noch weiterführend untersucht werden. Zweifelsohne bietet die neue Studie aber eine Grundlage für erwartungsgemäß kontroverse Diskussion zwischen Vertretern der Authentizität von Geisterwahrnehmungen und ihren Kritikern.




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