Dies geht aus der am Dienstag in Berlin vorgestellten Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) hervor. Seit dem ersten repräsentativen Test im Jahr 2001 ist der Wert von 16,9 Prozent der BRD-Grundschulabsolventen ohne ausreichende Kenntnisse auf 18,9 Prozent gestiegen.
Zugenommen hat laut der Studie auch die soziale Selektion im BRD-Grundschulsystem: 2001 war die Chance auf eine Gymnasialempfehlung für Kinder aus Familien von Besserverdienern bereits 2,6mal so hoch wie bei Elternhäusern ohne hohe Einkünfte oder Eigentum. 2016 war diese Chance sogar 3,4mal so hoch.
Die Anzahl von Schülern, die nach Verlassen der Grundschule Texte lesen, verstehen und eigenständig damit hantieren können, ist leicht gestiegen auf 11,1 Prozent im Jahr 2016. Russland, Singapur und Hongkong erreichen höhere Werte.
Insgesamt fällt die BRD im internationalen Vergleich zurück. 16 weitere Länder haben die BRD überholt. »Vor dem Hintergrund ist Stagnation natürlich Rückschritt«, formulierte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Susanne Eisenmann (CDU).
Studienleiterin Heike Wendt von der technischen Universität Dortmund erklärte am Dienstag ein Gefühl der »Bedrückung« angesichts der Lage: »Was ich wirklich beeindruckend finde, ist, dass wir seit 15 Jahren diese Studienergebnisse zutage fördern und die Politik nichts verbessert.«
Diesmal sei das Ergebnis sogar noch schlechter ausgefallen als vor fünf Jahren. »Dies ist nur als Aufforderung zu verstehen« an die derzeit stattfindende Regierungsbildung, sagte die Wissenschaftlerin.
»Es ist unehrlich, wenn Politik die Ergebnisse beklagt, für die sie letztlich selbst verantwortlich ist«, sagte auch Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung am Dienstag in Berlin in Richtung der bürgerlichen Parteien.
Als »Schande« bezeichnete Ilka Hoffmann von der Bildungsgewerkschaft GEW am Dienstag in Frankfurt am Main den Unwillen, »Bildungsbenachteiligungen beherzt anzugehen und diese abzubauen«. Dafür seien insbesondere Einstellungen von Lehrern notwendig (Fällt Intelligenzquotient der Menschheit doch nicht wegen "Umwelthormonen"? - Was in Arte-Doku fehlte (Video)).
Digitale Medien verbessern (frühkindl.) Lernen?
Nach den Aussagen von Politik, Wirtschaft, einigen Medienpädagogen und Medien sind die digitalen Medien ein Segen für die Schule. "Die Vermittlung von Kenntnissen über Computer" sei derzeit "die größte Herausforderung für die Schulen". "Je digitaler, je besser".
Doch Prof. Manfred Spitzer führt an: Nach Ergebnissen großer deutscher und internationaler Studien verbessern "Computer an Schulen weder das Lernen noch die Schulleistungen." Das ist das Ergebnis einer vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, der Europäischen Union und der Deutschen Telekom geförderten Studie "Schulen ans Netz. 1.000 mal 1.000: Notebooks im Schulranzen".
Die Notebooknutzung hatte "weder bessere Noten, noch besseres Lernverhalten der Schüler" zum Ergebnis. Allerdings waren die Schüler" im Unterricht mit Notebooks tendenziell unaufmerksamer." Nicht einmal der Umgang mit Computern wurde in den Computer-Klassen gelernt: "Im Informationskompetenztest wurden keine Unterschiede zwischen Notebook- und Nicht-Notebook-Schülern gefunden."
Nach einer Allensbach-Umfrage, die im Herbst 2014 im Auftrag der Deutschen Telekom Stiftung bei Eltern, Lehrern und Schülern durchgeführt wurde, sieht "eine deutliche Mehrheit im Hinblick auf die Verwendung digitaler IT im Bildungsbereich mehr Nachteile als Vorteile." Im Fachblatt Science wurde im Jahr 2012 eine Übersicht zum Thema "elektronische Lehrbücher" publiziert.
Danach ist "der Lernerfolg umso geringer, je mehr die Lehrbücher das digital Mögliche auch verwirklichen: Videos und Hyperlinks (anstatt Bilder und Literaturangeben) verführen zum Klicken und lenken vom Lesen ab."
Digitale Medien machen süchtig. Sie schaden langfristig dem Körper und vor allem dem Geist. Wenn wir unsere Hirnarbeit auslagern, lässt das Gedächtnis nach. Nervenzellen sterben ab, und nachwachsende Zellen überleben nicht, weil sie nicht gebraucht werden. Bei Kindern und Jugendlichen wird durch Bildschirmmedien die Lernfähigkeit drastisch vermindert.
Die Folgen sind Lese- und Aufmerksamkeitsstörungen, Ängste und Abstumpfung, Schlafstörungen und Depressionen, Übergewicht, Gewaltbereitschaft und sozialer Abstieg. Spitzer zeigt die besorgniserregende Entwicklung und plädiert vor allem bei Kindern für Konsumbeschränkung, um der digitalen Demenz entgegenzuwirken.
Literatur:
- Idiocracy
- Die ganze Wahrheit über alles: Wie wir unsere Zukunft doch noch retten können
- Etwas mehr Hirn, bitte: Eine Einladung zur Wiederentdeckung der Freude am eigenen Denken und der Lust am gemeinsamen Gestalten
- Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen




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