Neu erworbene Techniken bleiben erhalten und führen zu eigener "Gruppenkultur"

© Thibaud Gruber
Die Mütter zeigen es vor, die Kinder machen es nach: Der Gebrauch von Werkzeugen wird unter Schimpansen vor allem innerfamiliär weitergegeben.
Neuenburg - Werkzeuggebrauch ist unter Schimpansen offenbar großteils eine Familienangelegenheit, wie nun ein Schweizer Forscherteam nachweisen konnte. Die Menschenaffen benutzen oft "Schwämme" aus Blättern, die sie falten und manchmal auch zerkauen, um damit Wasser aus einem Fluss oder Regenwasser aus Baumlöchern zu schöpfen. 2011 konnten Wissenschafter allerdings ein Männchen der Schimpansengemeinschaft Sonso im Budongo-Waldgebiet in Uganda dabei beobachten, wie es Moos statt Blätter verwendete. Ein Verhalten, das rasch von sieben weiteren Tieren nachgeahmt wurde.

Moos-Technik ging nicht verloren

Noemie Lamon, Doktorandin an der Uni Neuenburg in der Schweiz, hat dieses Verhalten gemeinsam mit Kollegen aus Genf und Großbritannien in einer wildlebenden Schimpansengruppe studiert. Beobachtet wurde diese Werkzeugnutzung bei zwei Lehmgruben, wo die Schimpansen oft mineralreiches Wasser schöpften. Als jedoch Lamon 2012 ihre Beobachtungen an diesem Ort aufnahm, schien keines der Tiere Moos als Schwamm zu verwenden. Die Forscherin wollte daraufhin feststellen, ob dieses Wissen in der Gruppe trotzdem noch vorhanden war.

Um das herauszufinden, platzierte sie 2014 an den Bäumen rund um die beiden Wasserlöcher kleine Mengen Moos, die sie etwas weiter entfernt gesammelt hatte. Dadurch hoffte sie, die Affen zur Nutzung von Moosschwämmen anzuregen. Der Versuch gelang: Wie sich herausstellte, hatten seit 2011 weitere 17 Individuen die Technik erlernt.

Mütter unterrichten ihre Kinder

Die Fähigkeit verbreitet sich dabei offenbar nicht zufällig in der Gruppe, sondern vor allem unter Familienmitgliedern, berichten die Forscher im Fachblatt "Science Advances". Und zwar in erster Linie von den Müttern an ihre Kinder.

Diese Art von Verhalten wird als Kultur interpretiert, da es nur bei einzelnen Schimpansengruppen vorkommt. Weder genetische noch ökologische Gründe können diesen Umstand erklären. Demnach wird kulturelles Verhalten offenbar auf zwei Wegen in einer Gruppe gefestigt: Durch Beobachtung und Nachahmung, wenn Gruppenmitglieder nahe beisammen sind, oder aber unter Verwandten.

Hinweise auf menschlichen Werkzeuggebrauch Das Ergebnis der Untersuchung könnte laut den Forschenden darauf hinweisen, dass auch in der Menschheitsgeschichte die Nutzung rudimentärer Werkzeuge in erster Linie innerhalb von Familien weitergegeben wurde. Die ersten Menschen hatten demnach ein sehr ähnliches kulturelles Repertoire wie Schimpansen.

(APA, red, 27.4.2017)

Abstract
Science Advances: "Kin-based cultural transmission of tool use in wild chimpanzees."