
© Szilvi MartonNoémi Kiss wurde 1974 in Gödöllõ, nordöstlich von Budapest, geboren. An der Universität von Miskolc studierte sie Hungarologie, Komparatistik und Soziologie und forschte zwei Jahre an der Universität von Konstanz im Bereich Literaturwissenschaften. Sie doktorierte über die Rezeption Paul Celans in Ungarn. Kiss veröffentlichte zahlreiche Gedichte, Essays, Erzählungen, Kritiken und Aufsätze in deutscher und ungarischer Sprache. Sie ist Mitarbeiterin und Redakteurin der Zeitschrift « Új Holnap » und Mitglied des Vereins junger ungarischer Schriftsteller. Kiss lebt in Budapest und ist Mutter von Zwillingen. Vom Dezember 2013 bis Mai 2014 ist sie Writer in Residence am Zürcher Literaturhaus.
Noémi Kiss, zurzeit Writer-in-Residence am Literaturhaus Zürich, über die politische Lage in Ungarn nach den Wahlen.Frau Kiss, seit 2010 regiert Viktor Orbán mit seiner Fidesz-Partei Ungarn mit einer Zweidrittelmehrheit. Am Sonntag wurde er wiedergewählt.
Natürlich ist es total frustrierend, dass Populismus nun wieder belohnt wurde. Aber was mich freut, ist, dass Fidesz trotz der Umgestaltung des Wahlgesetzes, trotz des Umbaus der Wahlbezirke zu eigenen Gunsten und trotz der Steuergeschenke an die Reichen die Opposition nicht völlig unterdrücken konnte. Die Linken haben etwas mehr Stimmen erhalten als die Rechtsradikalen von Jobbik, obwohl sie eine sehr schwache Wahlkampagne gemacht haben. Und die Grünen haben, wider Erwarten, die Fünfprozenthürde genommen! Das ist wirklich mehr als in Ordnung.
Sie haben auch die Grünen gewählt?
Allerdings. Und ich bin dafür sogar extra nach Bern gefahren, weil uns
Auslandsungarn die Briefwahl verboten war. Ich vermute, dass das damit zu tun hat, dass die Ungarn, die im Westen arbeiten, mehrheitlich Fidesz-Kritiker sind. Nach Bern kamen jedenfalls zahlreiche junge Familien und gaben ihr Votum gegen die Regierung ab. Und ich persönlich halte die Grünen in Ungarn zurzeit für die einzige wählbare Partei. Eine echte demokratische Wende hat in unserem Land immer noch nicht stattgefunden, im Gegenteil:
Es finden keine offenen Diskussionen statt; alles ist bloss Macht- oder Parteipolitik. Die Grünen sind die Einzigen, die noch keine korrupte Classe Politique herangezüchtet haben, sondern mit neuen, unverbrauchten Leuten, sogar mit Frauen, etwas bewegen wollen und unbequeme Kritik nicht scheuen. Sie packen die heissen Themen an: Bildungspolitik, Familienpolitik, Demokratisierung - und Europapolitik statt Europa-Bashing.