Dass Rechtspopulisten die öffentliche Flüchtlingsdebatte auf Facebook dominieren, ist bekannt. Nun zeigt eine Studie: Sie kapern auch das Dieselthema.
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454 Artikel und Postings zum Thema Diesel zwischen dem 7. August und 5. September 2017; jeweils die Top-250-Beiträge nach Engagement in Newsmedien und Social Media, bereinigt um Irrläufer
Die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) ist nicht mehr nur eine Anti-Flüchtlings- und Anti-Euro-Partei. Das zeigt eine Untersuchung der öffentlichen Dieseldebatte in den sozialen Netzwerken: Jörg Meuthen, Bundessprecher der AfD, ist hier derzeit die sichtbarste Person. Auch die AfD gehört in den sozialen Netzwerken zu den zehn wichtigsten Akteuren. Eine Analyse von ZEIT, ZEIT ONLINE und des Daten-Analyse-Spezialisten Unicepta aus Köln macht diese Entwicklung sichtbar.

Wem wird zugehört?

Die populärsten Nachrichtenquellen und Stimmen zum Dieselskandal in den sozialen Netzwerken in den vergangenen vier Wochen

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454 Artikel und Postings zum Thema Diesel zwischen dem 7. August und 5. September 2017; jeweils die Top-250-Beiträge nach Engagement in Newsmedien und Social Media, bereinigt um Irrläufer
Unicepta hat dafür vier Wochen lang die öffentliche digitale Sphäre erfasst - deutschsprachige Medien und Blogs, YouTube, Twitter, Instagram und den öffentlichen Teil von Facebook. Dann wurden die Quellen danach gewichtet, wie viel Engagement sie erzeugt haben, wie oft sie kommentiert, geteilt und gelikt wurden. Ein deutliches Ergebnis dieser Untersuchung ist, dass keine Partei beim Thema Dieselskandal so viele Reaktionen erzeugt wie die AfD. Auch drei bei Anhängern der AfD beliebte Internetseiten tauchen unter den zehn populärsten Quellen auf. Es ist die vergleichsweise gemäßigte Epoch Times, das vom russischen Staat finanzierte RT (früher Russia Today) und eine Internetseite aus den USA, sott.net, auf der oft Verschwörungstheorien diskutiert werden - und die rechtes Gedankengut ventiliert.


Kommentar: Das ist wirklich witzig, Sott.net indirekt als Anhänger der AfD zu bezeichnen, da wir selbst die AfD sehr kritisch betrachten und nicht nur die AfD, sondern jede Partei. Und "rechtes Gedankengut ventilieren"? Wenn der Autor wüsste, wie viele Hass-Kommentare wir bekommen, weil wir für Flüchtlinge Artikel veröffentlichten und kommentierten.

Hinter den Schlagzeilen: Wahlen 2017 in Deutschland und andere Themen


In der Hierarchie der Nachrichtenquellen in den sozialen Medien sind rechte und rechtspopulistische Absender insgesamt weniger wichtig als die Berichte von welt.de, focus.de, spiegel.de und sueddeutsche.de. Linksliberale Quellen wiederum haben in der öffentlichen Debatte um den Diesel in den sozialen Netzwerken eine geringere Bedeutung als die konservativen. Und das Auftauchen der Sendung extra 3 aus der öffentlich-rechtlichen ARD ist ein Hinweis darauf, wie gern ein Teil des vor allem jungen Publikum politische Nachrichten in Form von Satire aufbereitet bekommt.

Doch das ändert nichts an dem vorangegangenen Befund: Die AfD überragt in der öffentlichen Debatte in den sozialen Netzwerken mit ihren Positionen alle anderen Parteien: CDU/CSU, SPD, Grünen, Linken und Liberale haben dem nichts entgegenzusetzen. In der Flüchtlingsdebatte gilt das noch mal mehr.

Eine zweite Grafik gibt einen Einblick in die Verteilung von Meinungsmacht zwischen Kommunikationsprofis und einzelnen Bürgern in sozialen Netzwerken. Unter den 500 populärsten Beiträgen (gemessen nach Engagement) stammen 95 Prozent von Profis. Man kann es so deuten, dass inzwischen zwar praktisch jeder seine Meinung öffentlich sagen kann, es aber eben in der Regel doch eine Institution braucht - oder den Status des Prominenten, um sich Gehör zu verschaffen.

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500 Artikel und Postings zum Thema Flüchtlinge zwischen dem 7. August und 5. September 2017; jeweils die Top-250-Beiträge nach Engagement in Newsmedien und Social Media
Jeder kann mitreden - aber nicht jeder wird gehört

Von den 500 populärsten Artikeln zum Dieselskandal stammen fast alle von Kommunikationsprofis: von Journalisten auf der einen Seite - und von der rechtspopulistischen AfD, ihren Spitzenleuten und einigen sogenannten "alternativen" Medien, Propagandisten und Verschwörungstheoretikern auf der anderen Seite. Demgegenüber kommen die Stimmen der anderen Bürger kaum durch.


Kommentar: Oder gerade diese Stimmen kommen durch alternative Medien durch.


Immerhin: Auch wenn ein Normalbürger kaum eine deutschlandweite Wirkung in sozialen Netzwerken erreichen kann - ein Publikum von mehreren Zehntausend ist möglich. In der Dieseldebatte hat das zum Beispiel Horst Lüning geschafft, ein älterer Herr vom Starnberger See. Lüning betreibt seit Jahren einen erfolgreichen Online-Whiskeyversand- und nebenbei auch ein YouTube-Blog, das Unterblog. Darin positioniert er sich als Kritiker von Medien und Parteien, er setzt sich vor die Kamera und kommentiert die Geschehnisse. Einige seiner Videos zum Dieselskandal schafften es tatsächlich unter die 500 populärsten Beiträge zu diesem Thema in den sozialen Netzwerken.

Was die Deutschen jenseits des Dieselskandals in der Netzöffentlichkeit diskutieren, zeigt die nächste Grafik. Erfasst wurden neun Themen - mit einem Schwerpunkt auf Wirtschaft und Soziales. Aber das mit Abstand reichweitenstärkste Thema ist und bleibt die Flüchtlingsdebatte. (Lesen Sie eine weitere ausführliche Analyse zum Flüchtlingsthema in sozialen Netzwerken in der aktuellen ZEIT.)

© Zeit-Grafik/ Unicepta Research September 2017
Was die Deutschen bewegt

Dokumentiert sind hier neun wichtige Themen in diesem Wahlkampf - und wie oft über sie geschrieben wurde. Gezählt wurden alle Artikel, Blog-Beiträge, Tweets und Posts. Die Zahl der Leser erhöht die Reichweite eines Themas noch, wird hier aber nicht ausgewiesen. Datengrundlage sind die wichtigen Medien und sozialen Netzwerke und andere Quellen in der frei zugänglichen deutschsprachigen Online-Sphäre.

Dieselskandal und Klimaschutz sind den Menschen ebenfalls überdurchschnittlich wichtig. Im Vergleich zum Flüchtlingsthema fallen diese Themen jedoch weit ab. Das wird in der folgenden Grafik noch klarer. Dort ist zu sehen, wie oft Nutzer auf die Beiträge zu einem Thema reagiert haben.

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Flüchtlinge stärker als Merkel - Wirtschaftsthemen zweitrangig

Mit so viel Engagement haben die Deutschen bestimmte Themen in den sozialen Netzwerken weitergetragen. Gemessen wurde, wie oft Beiträge kommentiert, geteilt und gelikt wurden.
© Zeit Grafik / Unicepta Research September 2017
Bemerkenswert ist, dass vergleichsweise wenige Menschen über Löhne und den Arbeitsmarkt diskutieren. Aber dass diejenigen, die es tun, voller Leidenschaft sind. Sie äußern sich sowohl in den Kommentarspalten der Online-Medien wie auch in den sozialen Netzwerken und teilen diese Artikel weitaus häufiger als etwa Beiträge zu Zinsen und Mieten. Nur: Eine Mehrheit kann man mit Gerechtigkeitsthemen derzeit nicht mobilisieren.