Anständigkeit und Rechtsstaatlichkeit - für solche Werte schien sich CDU-Jungtalent Amthor mit Leidenschaft einzusetzen. Doch ausgerechnet mit diesen Eigenschaften hat er selbst offenbar ein Problem. Er sollte Konsequenzen ziehen.
Philipp Amthor
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Philipp Amthor hatte gerade zum nächsten Karrieresprung angesetzt: Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern wollte er werden.
"Solche Dinge mache ich grundsätzlich nicht", sagte Philipp Amthor vergangenes Jahr im September, als er bei TV-Komiker Kurt Krömer zu Gast war. Der hatte ihn aufgefordert, eine Tafel Schokolade aus der Sendung mitzunehmen, in deren Verpackung angeblich zehn Euro versteckt seien. Amthor betonte, das müsse er ja als Spende deklarieren. Aber, wie gesagt, so etwas mache er ja "grundsätzlich" nicht. "Wat, sowas machste nicht?", fragte Krömer verwundert und mit Berliner Schnauze - "nicht in der CDU?". Und dann deutete der Komiker mit einer Handbewegung an, wie Pinnochios Lügennase wächst. Illegale Spenden hat Amthor nach derzeitigem Kenntnisstand nicht angenommen, doch was die Verlogenheit des Unionspolitikers angeht, lag Krömer goldrichtig.

Denn zum Zeitpunkt der Sendung hatte Amthor schon längst eine bemerkenswerte Nebenkarriere gestartet. Einem Spiegel-Bericht zufolge hatte er schon 2018 bei Wirtschaftsminister Peter Altmaier für ein Treffen mit Vertretern der Firma "Augustus Intelligence" geworben. Später soll er mehrere Termine von Unternehmensvertretern und Altmaiers Staatssekretär Christian Hirte organisiert haben. Er flog für Augustus nach New York, St. Moritz und Korsika und bekleidete schließlich einen Aufsichtsratsposten. Es gab Partys in angesagten Hotels mit Austern und Champagner. Ein Gehalt bekam er zwar nicht, dafür aber 2817 Aktienoptionen. Amthor betrieb massiv Lobbyarbeit für das New Yorker Startup - und arbeitete somit am Wert seiner eigenen Aktienoptionen.


Noch vor einer Woche hätte man Amthor das glatt abgekauft, dass er solche Dinge "grundsätzlich" nicht macht. Denn kaum ein Abgeordneter der Unionsfraktion arbeitete so emsig an seinem Image als authentischer, integrer "Law-and-Order"-Politiker wie Amthor. Regelmäßig nahm er im Bundestag mit rhetorischen Backpfeifen Anträge der politischen Gegner auseinander - wegen kleiner Fehler. Regelmäßig machte der studierte Jurist klar, woran sich Politik seiner Meinung nach streng orientieren sollte: an Gesetzen, an Rechtsstaatlichkeit. Im Februar sagte er im Interview mit der B.Z., konservative Politik beginne für ihn "zuallererst damit, dass man sich anständig benimmt". Auch betonte er: "Wichtig ist in jedem Fall immer Authentizität." Seit er im September 2017 in den Bundestag eingezogen ist, inszenierte er sich als konservativer Hardliner - ehrlich und hart arbeitend. Inzwischen ist klar: Es war tatsächlich nur eine Inszenierung. Amthor verließ schon 2018 den anständigen Weg. Zu diesem Zeitpunkt begann sein Engagement bei der New Yorker Firma.

Das große Nachwuchstalent der Union hat sich ausgerechnet an den Stellen angreifbar gemacht, an denen seine eigene Kritik an anderen oft ansetzte. Oft hat er die AfD-Fraktion angegriffen und ihr dabei mangelnde rechtsstaatliche Anständigkeit unterstellt. Oft warf er Linken und Grünen im Parlament vor, ihre Hausaufgaben nicht gemacht zu haben. Oft hat er sich in seinem Wahlkreis als integrer, ehrlicher Volksvertreter inszeniert. Amthor hätte es wissen müssen: Diese Form von Lobbyarbeit ist weder anständig noch zulässig. Und er hätte wissen müssen, dass ihn das politisch erledigen kann.

Auf der einen Seite ist der Fall Amthor nur ein weiteres Kapitel in einer sehr langen und problematischen Geschichte von Lobbyismus und Spendenaffären bei der CDU-Fraktion. Und es lohnt sich durchaus, an dieser Stelle noch einmal daran zu erinnern, dass es vor allem die Unionsfraktion ist, die seit Jahren ein verpflichtendes Lobbyregister erfolgreich verhindert.

Andererseits aber ist der Widerspruch zwischen Amthors Selbstverständnis als politischer Saubermann und seinem Fehltritt besonders gravierend. Die Union hat derzeit einen Lauf und der ein oder andere Abgeordnete dürfte sich fragen, ob die Partei zum jetzigen Zeitpunkt quälende Debatten um einen Parlamentarier gebrauchen kann, der selbstverschuldet sein Vertrauen verspielt hat. Auch wenn sich Amthor in den sozialen Netzwerken bereits entschuldigt und einen Fehler eingestanden hat, dürfte die Debatte um die Rückgabe seines Mandats unumgänglich sein. Hält er an seinem Sitz im Bundestag fest, stehen der Union harte Angriffe der Opposition bevor. Er könnte das seiner Partei ersparen und sein Mandat zurückgeben. Das könnte auch etwas von dem Image retten, um das er sich stets bemüht hat.

ntv.de