Artenübergreifende Tierfreundschaften
© PADas Tigerbaby Akbar im Tierpark Ströhnen in der Nähe von Bremen hat sich mit einer Zwergdackel-Dame angefreundet.

Eine Schildkröte freundet sich mit einem Nilpferdbaby an und ein Gorilla liebkost ein Entenkind - Verhaltensforscher erklären, wie es dazu kommt.

Kürzlich auf dem Rasen beim Affenfelsen, im Bristol Zoo, England. Eine Entenmutter geht mit ihren Küken an Land, die Familie steigt aus dem Wassergraben und nimmt die Abkürzung über den Rasen, ohne zu ahnen, dass eine Bande von vier Halbstarken sie längst im Blick hat. Die jungen Gorillas sind so fasziniert von dem Entenmarsch, dass sie ihr Klettergerüst im Stich lassen, herabhangeln, über die Wiese huschen, gucken und staunen.

Der Jüngste, Kokoma, vier Jahre alt, setzt sich ans Ende des Zuges und greift eines der Küken mit langen Fingern heraus. Er hebt es in die Luft, nimmt es in die Arme, hält es in beiden Fäusten, als wolle er es wärmen; oben guckt das Köpfchen raus. Dann spitzt er die Lippen und drückt dem Entenküken einen Kuss auf den Flaum.

Was will die pubertierende Affenbande von den flauschigen Küken? Spielen? Sind die Gorillas zu dumm, Lebewesen von Gummitier zu unterscheiden? Erfasst ihr Auge die frisch geschlüpften Vögelchen als niedliche Wesen, oder halten sie die Flauschbällchen für Essbares auf Beinen? Auskunft können inzwischen nicht nur Primatenforscher geben - sondern auch Verhaltensbiologen auf der ganzen Welt. Denn der junge Gorilla, der mit der Ente schmust, ist kein kurioser Einzelfall.

Nicht nur Menschen lieben Tiere - und sind von Babyaugen bezaubert. Hunde ziehen Ferkel groß, Löwen kuscheln mit Antilopen: Inzwischen sind mehr als 120 Säugetier- und 150 Vogelspezies bekannt, die Nachwuchs adoptieren, oft auch artübergreifend.

Womöglich "instinktive Anteilnahme"

Als kuriose Laune der Natur sieht der berühmte niederländische Verhaltensbiologe Frans de Waal solches Treiben nicht. Der Professor für Psychologie aus Atlanta ist führender Vertreter der eher umstrittenen Theorie, dass Tiere über eine moralische Instanz verfügen. Dass sie sich für hilflose Tiere begeistern, sie streicheln, füttern, sich um sie kümmern, sieht der Verhaltens- und Primatenforscher als"instinktive Anteilnahme".

Vor allem die kuriosen Fälle bleiben im Gedächtnis: Wie der des Makiaffen ohne Fuß aus dem thailändischen Ayutthaya, der ein Kaninchen hegte. In Patok in Albanien freundeten sich Esel und Wolf an, als der eine dem anderen zum Fressen vorgesetzt wurde.

Unter Hunden kommt es häufig vor, dass sie sich für fremde Kinderbabys begeistern - egal ob Rehe, Katzen, Ratten oder Kaninchen. Diese Vorliebe für artfremde Waisen führte vor kurzem im Bremer Tierpark ein niedliches Pärchen zusammen: Einen Dackel und ein Tigerbaby. Das Neugeborene war von seiner Mutter verstoßen worden. Die hilflose Wildkatze war doppelt so groß wie der Glatthaar-Rüde, der es liebevoll umsorgte.

Während die Tierpfleger um das Überleben des kleinen Raubtieres kämpften, erhielten sie unerwartet Hilfe von"Monster". Der mutige Dackel nahm sich der kleinen Tigerin an, leckte sie und kuschelte mit ihr. Die Milch fütterten die Pfleger mit der Flasche zu. Als kurz darauf der Adoptivvater vom Auto überfahren wurde, sprang seine Tochter als Leihmutter ein, das Dackelweibchen Bessi.

Einen ähnlich bizarren Fall von Tierliebe unter Vierbeinern meldete vor einiger Zeit ein kenianischer Naturpark: Eine Löwin hatte ein Antilopenjunges entführt. Statt es zu fressen, behütete sie es, als wär’s ihr eigenes Kind. Die Forscher gingen zunächst von einer einmaligen Verwirrung aus, doch nachdem das erste Antilopenjunge von einem anderen Löwen verspeist worden war, suchte sich die Löwin ein zweites Antilopenkind. Nachdem sie auch von diesem getrennt worden war, adoptierte die Löwin eine dritte Antilope - eine Manie, die sich die Verhaltensbiologen bis heute nicht endgültig erklären können.

Adoptionen sind eine Fehlprägung

Dass sich Herdentiere oder Vögel auf Brutfelsen um die Nester der Nachbarn kümmern, hat die Natur durchaus so vorgesehen. Auch, dass Löwinnen die Jungen ihrer Cousinen säugen. Aber was denkt sie sich dabei, wenn ein Raubtier seine Beute großzieht?"Hat eine Adoptivmutter das eigene Junge verloren, kann sie schon mal ihren Instinkt auf artfremde Tiere übertragen", sagt der Verhaltensbiologe Udo Gansloßer. Das könne auch für die Löwin gelten. Andere Verhaltensforscher vermuten in dem Fall eine Fehlprägung, die Löwin wäre demnach auf Antilopen gepolt.

Auf einem ähnlichen Irrtum beruht unter anderem das Verhältnis von so manchem Hütehund zum Schaf. Es gibt einen Brauch unter Hirten, mit dem sie das uralte Verhältnis von Raubtier und Opfer ins Gegenteil verkehren - und in dem Hund einen Beschützerinstinkt für seine Beute wecken. Erfahrene Schäfer prägen ihre Hunde auf die Herde - und zwar bevor sie sie an den Menschen gewöhnen. Sie setzen ihren Welpen kurz nach der Geburt Lämmer dazu. Wochenlang schauen die Hirten nur zu. Welcher Welpe reagiert freundlich, spielerisch, liebevoll? Nur bei jenen, die die Lämmer bereitwillig in der Hundefamilie akzeptieren, erkennen erfahrene Hirten jene Beschützerinstinkte, die später einen guten Hirtenhund ausmachen.

Besonderen Ehrgeiz in der Umprogrammierung der natürlichen Instinkte haben die Thailänder an den Tag gelegt. Die Krönung ihrer Bemühungen lässt sich im tropischen Garten von Nong Nooch nahe dem Bade- und Partyparadies Pattaya bestaunen: die"Schwiger", oder Tiger, die Schweine nicht als Futter, sondern Freunde ansehen.

Die Tierpfleger haben entdeckt, dass Schweinemilch besonders bekömmlich für Tigerbabys ist - sie schnell wachsen lässt und robust macht. Um ihren seltenen Bengalischen Tigern auf die Sprünge zu helfen, nahmen die Experten einer Sau die Ferkel weg und legten ihr stattdessen die gestreiften Katzenkinder an. Eine stämmige Sau nährte die Baby-Tiger an ihren Zitzen als wären es Ferkel. Die Raubkatzen wuchsen auf - doch anstatt herzhaft zuzubeißen, haben sie ihren abartig pazifistischen Wesenszug niemals abgelegt.

Zu einer besonders abenteuerlichen Konstellation kam es während der Tsunamikatastrophe 2004. Ein Baby-Hippo verlor durch die Fluten nicht nur die Mutter - die gesamte Herde wurde in den Ozean gespült. Das kleine Nilpferd hatte Glück: Es wurde von Menschen gerettet und kam in Mombasas Nationalpark Haller unter. Dort geschah, was sich bis heute kein Forscher erklären kann: Das Nilpferdbaby freundete sich mit einer 130 Jahre alten Schildkröte an. Die beiden wurden unzertrennlich.

Das rührende Drama von Reptil und Hippo, genannt Owen und Mzee, ging um die Welt. Die Betreiberin des Wildparks sicherte sich die Markenrechte, ließ einen Film drehen und ein Kinderbuch herausbringen. Das verdrängte kurzzeitig sogar Harry Potter vom ersten Platz der Bestsellerliste der New York Times.

Schimpansen sind besonders tierlieb

Besonders adoptionsfreudig sind Schimpansen, das hat die Primatenforscherin Jane Goodall beobachtet - und zwar erstaunlicherweise oft die Männchen."Die Sanften, Entspannten und Hilfsbereiten die besten Chancen bei den Weibchen. Wer viel krault und sein Futter teilt, macht sich bei den Frauen beliebt", sagt sie, vielleicht sei das auch ein Antrieb für die Affen, sich besonders fürsorglich um Waise oder artfremde Tiere zu kümmern.

Generell beschreibt Goodall Schimpansen als "mitfühlend und gut darin, einander zu trösten. Leidet einer, umarmen sie ihn und kümmern sich. Wir hatten ein Weibchen, Tante Gigi. Sie war kinderlos, groß, stark, sehr männlich. Sie hat drei Kinder auf einmal adoptiert, deren Mutter gestorben war. Tante Gigi trug ihre Babys nie mit sich herum, sie schlief auch nicht bei ihnen - aber wenn jemand den Kleinen zu nahe rückte, kam sie und verscheuchte die Angreifer."

Viele Tiere übertragen ihre Fürsorge auch auf Menschen. Hunde zum Beispiel. So beobachten Eltern oft besorgt, wie ihr Hund ums Babybett schlawänzelt - und atmen auf, wenn er sich schützend davor legt. Hin und wieder untersucht die Wissenschaft die bedrückenden Fälle von Kindern, die allein unter Hunden aufwachsen. In einer verwahrlosten Hütte in Sibirien stießen Sozialarbeiter vor kurzem auf ein fünfjähriges Mädchen, das versuchte, sich durch Kläffen mitzuteilen - und ihr Essen mit der Zunge vom Teller leckte. Die Behördenmitarbeiter nannten das Kind Mowgli - nach Rudyard Kiplings Bestseller.

Menschenaffen wissen übrigens, dass wir nicht ihresgleichen sind. Sie sind jedoch auch schlau genug, um uns Menschen als ihnen ähnlich anzusehen, genauso wie wir umgekehrt sie als ähnlich empfinden. Das machen sich Zoologen zunutze, um Affen bei der Fortpflanzung zu helfen. Orang-Utans, die sich bei der Paarung schwer tun, zeigen Primatenforscher Pornofilme. Am stärksten, so die Beobachtung erfahrener Zoologen,"reagieren Orang-Utan-Männer auf Menschenfrauen mit langem roten Haar".